model of a car

Was ist eine Fahrzeugplattform? Ein Crashkurs zur Einleitung

 

Um ein neues Fahrzeug auf den Markt zu bringen, beginnt man im ersten Schritt mit der Definition der Parameter der Fahrzeugplattform. Diese stellt das Kernelement eines jeden Fahrzeugprojektes dar – und dennoch herrscht oft eine gewisse Unsicherheit darüber, was mit einer Fahrzeugplattform eigentlich gemeint ist

Dieser Artikel soll die wichtigste Frage in der Fahrzeugentwicklung beantworten: Was genau ist eine Fahrzeugplattform? Da es verschiedene Definitionsansätze gibt, kann der Begriff bei Marktneueinsteigern für Verwirrung sorgen. Um eventuell vorhandene Unklarheiten oder Unsicherheiten auszuräumen, stellt dieser Artikel die gebräuchlichste Definition einer Plattform, deren wichtigste Vorteile und aktuelle Trends in der Plattformentwicklung vor.

 

ALLGEMEINE DEFINITION EINER FAHRZEUGPLATTFORM

Im weitesten Sinne bezeichnet eine Fahrzeugplattform „die Summe aller nicht Styling-spezifischen Teile eines Fahrzeuges“. Das bedeutet, dass eine Plattform im Wesentlichen das strukturelle Fundament eines Fahrzeuges ist. Dazu gehören Funktionen, Komponenten, Systeme und Unterbaugruppen. Diese Bauteile sind bei den meisten Fahrzeugtypen identisch und können daher von einer ganzen Reihe unterschiedlicher Automodelle gemeinsam genutzt werden. Die Hauptkomponenten der Plattform umfassen den Antriebsstrang, das Fahrwerk, den Unterboden, die Sitzstruktur, das Thermosystem sowie die Hochspannungs- und Niederspannungsarchitektur. Diese zusammenfassend sogenannte E/E-Architektur (Elektrik/Elektronik) ist ein zunehmend wichtiger Aspekt in der Automobilentwicklung, da die Zahl der Mechatronik-Features in Fahrzeugen stark zunimmt.

Neben den Komponenten und Systemen sind die Segmente, in denen die Fahrzeuge verkauft werden, ein weiterer wichtiger Faktor für das Layout der Plattform. Diese Segmente hängen in erster Linie von der Gesamtgröße und dem Gesamtgewicht des Fahrzeuges sowie der Preisklasse ab. Daher ist das Erreichen eines gewissen Grades an Modularität eine der größten Herausforderungen beim Design einer Fahrzeugplattform – schließlich passt die Plattform eines SUVs nicht mit der Reifengröße oder den Proportionen eines Cabriolets zusammen. Viele OEMs haben deswegen ein modulares Bausteinsystem eingeführt, um die Fahrzeugplattform über möglichst viele Segmente hinweg einsetzen zu können.

car parts

Fahrzeugplattform vs. Top-hat

Als Gegenteil zur Plattform kann man den sogenannten Top-hat (auf Dt. „Hut“ oder Zylinder“) verstehen. Dieser umfasst alle Stylingelemente eines Fahrzeuges. Dazu gehören im Allgemeinen die obere Karosserie, das Innere und das Äußere eines Fahrzeuges – kurz gesagt: alles, was sich auf der Plattform befindet. Während die Plattform über verschiedene Fahrzeuge hinweg dieselben Elemente verwendet, sorgt der Top-hat für ein unterschiedliches Aussehen der Fahrzeuge.

So könnten zum Beispiel eine Limousine, ein SUV und eine Fließhecklimousine auf der gleichen Plattform basieren, obwohl sie sich durch den Top-hat stilistisch voneinander unterscheiden. Dieser Ansatz ist somit deutlich effizienter als die Entwicklung dreier völlig unterschiedlicher Fahrzeuge.

Gleichteile vs. Individualteile

Für möglichst niedrige Produktionskosten kann man daher die Anteile gemeinsamer Komponenten maximieren. Diese bezeichnet man als Gleichteile (Carry Over Parts – COP). Die Anzahl an Gleichteilen sollte daher für mehrere Fahrzeuge mit derselben Fahrzeugplattform möglichst hoch sein. Individuelle, einzigartige Teile verwendet man nur, um optische und andere Anforderungen zu erfüllen. Das Ziel einer Plattform besteht darin, diese Individualteile auf einem kostengünstigen Minimum zu halten.

Beispielsweise sind die Sitzstruktur und deren Verbindung zur Karosserie bei mehreren Modellen ident, während man die Polsterung und den Stoff des Sitzes für jedes Modell individuell gestalten kann.

TRENDS FÜR FAHRZEUGPLATTFORMEN

 

In den Anfängen der Automobilentwicklung war Konzept einer Fahrzeugplattform einfach eine Möglichkeit, Kosten einzusparen. Dazu verwendete man ein Leiterrahmen-Chassis auf gemeinsamen technischen Grundlagen für verschiedene Karosserieformen. Heutzutage beinhaltet die Plattform bereits das grundlegende Layout und essenzielle Bauteile des Fahrzeuges. Dabei ist das Unibody-System aus Gründen der Gewichtsreduzierung, der Festigkeit und des Crashverhaltens gültiger Standard für Pkw.

Der größte Trend in der Entwicklung von Fahrzeugplattformen geht derzeit in Richtung einer erhöhten Modularität zugunsten von mehr Flexibilität. Die Gesamtzahl eigenständiger, neu entwickelter Plattformen ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Stattdessen sind die bestehenden Plattformen nun weitaus anpassungsfähiger. Dies erreicht man durch modular aufgebaute Systeme und E/E-Architekturen. Somit entfällt die Neuskalierung bei gleichzeitig minimaler Auswirkung auf die Leistung der Teile. Der Trend geht zu Plattformen, die sich in Größe und Layout frei anpassen lassen. So muss man nur noch geometrische Faktoren berücksichtigen.

Eine eigene Fahrzeugplattform entwickeln

Ein gängiger Ansatz für Fahrzeug-Hersteller besteht darin, bestehende Plattformlösungen als Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Plattformen zu verwenden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Es spart Zeit, verteilt Kosten auf mehrere Modelle und bündelt Ressourcen. Doch was, wenn die technologischen Hürden zu groß werden und zu viele Kompromisse bei der modifizierten Plattform eingegangen werden müssen? In diesem Fall lohnt es sich zu überlegen, ob es nicht sinnvoller wäre, eine neue Plattform mit allen neuen Features zu entwickeln.

Marktneueinsteiger neigen dazu, eine gemeinsame Plattform zu nutzen, anstatt von Grund auf eine neue Fahrzeugplattform zu entwickeln. Als Neuling auf dem Markt spielen niedrige Kosten und Time-to-Market eine größere Rolle im Entwicklungs- und Produktionsprozess. Die Nutzung einer gemeinsamen Plattform ist daher eine gute Möglichkeit, beide Ziele einfacher zu erreichen.

Dennoch gibt es gute Gründe, eine eigene Plattform zu konzipieren:

  • Einzigartige Ideen erfordern einzigartige Lösungen. Sind diese nicht mit den gängigen Plattformen kompatibel, sollte man kalkulieren, ob sich eine Neuentwicklung rentieren kann.
  • Die Bauteilkosten der Plattform sind zu hoch, was zu einem zu hohen Preis für den_die Endkund_in führt
  • Die Partnerschaft mit dem Plattforminhaber ist schwierig, beispielsweise wenn keine rechtliche Vereinbarung über die Nutzung der Plattform besteht. Hier kann ein neutraler Partner wie Magna als Vermittler helfen.

 

FATIZ: DIE ZUKUNFT LIEGT IN MODULAREN PLATTFORMEN

Eine Fahrzeugplattform ist die Summe aller gängigen Komponenten, Systeme und Funktionen über verschiedene Fahrzeugmodelle hinweg. Während sie gemeinsame Elemente über mehrere Fahrzeugmodelle verbindet, vereint der Top-hat dagegen die unterscheidenden Stylingmerkmale in sich. Die genauen Eigenschaften einer Plattform ergeben sich durch die darin enthaltenen Systeme und Funktionen, ihre Struktur (Größe/Gewichtsklasse) und ihre E/E-Architektur. Die Strategie, mehrere Fahrzeuge auf Basis einer einzigen Plattform zu entwickeln, senkt die Entwicklungskosten und Materialkosten erheblich. Gleichzeitig erhöht sie die Vertrautheit mit dem Produkt und gewährleistet eine zuverlässige Einhaltung der Sicherheitsstandards. Erfolgreiche Plattformen kommen in Zukunft noch flexibler und flächendeckend über verschiedene Fahrzeugmodelle und -strukturen hinweg zum Einsatz. 

 

Stay connected

You can stay connected with Magna News and Stories through email alerts sent to your inbox in real time.

Martin Peter - Vice President Engineering and Technology

Martin Peter

Martin Peter ist seit April 2018 Vizepräsident der Abteilung Engineering and Technology bei Magna Steyr. Er arbeitet seit 2001 im Unternehmen und hatte bereits mehrere Schlüsselpositionen in den Bereichen Fahrzeugtechnik, Produktentwicklung und Programmmanagement inne – darunter internationale Einsätze in China, Deutschland, Malaysia und Polen. Martin Peter ist Diplom-Ingenieur in Maschinenbau mit Betriebswirtschaftslehre.

We want to hear from you

Send us your questions, thoughts and inquiries or engage in the conversation on social media.

Verwandte Stories

Going Digital in the Name of Resilience and Sustainability – Multi-OEM Logistics of Contract Manufacturers in the Automotive Industry

Blog

Separate but Shared – Challenges and Solutions in a Multi-OEM Automotive Paint Shop

Blog

Flexibility is Key – Challenges and Solutions of Vehicle Assembling in a Multi-OEM-Production

Blog

Verbunden bleiben

Bleiben Sie informiert und erhalten Sie News & Stories in Echtzeit in Ihren Posteingang geliefert.