Hands of a Man with 2 puzzle pieces

Neueinsteiger in der Automobilindustrie: Die ideale Arbeitsteilung für Ihren  Fahrzeugentwicklungsprozess

ENTWICKLUNGSPROZESS FÜR FAHRZEUGE IN DER AUTOMOBILINDUSTRIE - EINE EINFÜHRUNG

Der letzte Artikel befasste sich mit der Frage, wie man als Marktneueinsteiger in der Automobilindustrie am besten mit den großen Herausforderungen umgeht, die mit dem Aufbau einer eigenen Fahrzeugproduktion verbunden sind. Ein sinnvoller Ansatz, um die anfänglichen finanziellen, organisatorischen und strukturellen Hürden zu minimieren, ist die Zusammenarbeit mit einem Auftragshersteller. Eine solche setzt jedoch voraus, dass die Arbeitsteilung im Entwicklungsprozess zwischen den beiden Partnern klar aufgeteilt und kommuniziert wird.

Im Folgenden wird beschrieben, wie die Verantwortlichkeitsbereiche in der Fahrzeugentwicklung zwischen dem Startup und seinem Produktionspartner optimal aufgeteilt werden können, welche Rolle beide Partner dabei spielen und wie potenzielle Unklarheiten früh genug erkannt bzw. vermieden werden können. 

 

 

RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE ZUSAMMENARBEIT IM FAHRZEUG-ENTWICKLUNGSPROZESS SCHAFFEN

 Der Prozess zur Sicherstellung einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen dem Startup und seinem Produktionspartner beginnt, lange bevor sich die beiden Parteien zum ersten Mal treffen.

Das Startup sollte zunächst wissen, ob sein Partner überhaupt dazu in der Lage ist, einen vollständigen Service zur Umsetzung der Fahrzeugvision anzubieten (mehr dazu erfahren Sie im Artikel „Worauf Sie bei Ihrem Fahrzeug-Fertigungspartner achten sollten, wenn Sie Ihre Produktion auslagern möchten“).

Um von Anfang an einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, ist es wichtig, diese Anforderungen im Vorfeld zu ermitteln. Diese werden in einem Produktanforderungsdokument (PRD – Product Requirements Document) zusammengefasst, das folgende Schlüsselfragen beinhaltet:

  • Wie ist der Status quo des Projekts?
  • Welche Ziele hat sich das Startup gesetzt?
  • Welche Investor_innen sind vorgesehen?
  • Welche (nicht) funktionalen Anforderungen werden an das Projekt und das Produkt gestellt?
  • Was sind die zu erwartenden Risiken und Einschränkungen und wie plant das Startup damit umzugehen?
  • Wie soll das Projekt organisatorisch durchgeführt werden?
  • Was ist der geplante Produktionsumfang?
  • Wie soll der Auftragshersteller entschädigt werden?

Anhand dieser Fragen kann der Projektpartner technische Spezifikationen festlegen, die den beabsichtigten Fahrplan für den Industrialisierungsprozess aufzeigen. All das ist nötig, um eine erste Basis zu schaffen, von der ausgehend die Schlüsselfragen weiter spezifiziert werden können.

 

ARBEITSTEILUNG ZWISCHEN STARTUPS UND FAHRZEUG-FERTIGUNGSPARTNERN IN DER AUTOMOBILINDUSTRIE

 Die genaue Arbeitsteilung und Planung der Entwicklungsprozesse hängt weitgehend von den spezifischen Wünschen und Plänen des Startups in Bezug auf seine Fahrzeugvision ab und davon, inwieweit der gewählte Fertigungspartner in der Lage ist, diese zu erfüllen. Obwohl eine vollständige Detailplanung aufgrund gewisser Ungewissheitsfaktoren vorab kaum durchzuführen ist, muss in jedem Fall eine rudimentäre Rollenverteilung der beiden Parteien stattfinden.

Der Fahrzeug-Entwicklungs- und Fertigungspartner

Da der Fahrzeug-Fertigungspartner bereits über fundierte Erfahrungen und die notwendige Infrastruktur zur Industrialisierung eines Fahrzeugs verfügt, deckt er auch die technischen Aspekte der Konzept-, Entwicklungs- und Produktionsphase des Fahrzeugs ab. Darüber hinaus stellt der Partner als etablierter Akteur in der Automobilindustrie ein Netzwerk bereit, das alle notwendigen externen Partner enthält, um die Idee des Startups in ein funktionierendes Fahrzeug umzuwandeln.

  • Programm-Management

    Das Programm Management deckt ein breites Spektrum an Bereichen und Ressourcen ab, die für die Umsetzung und das Management von Fahrzeugprojekten erforderlich sind. In der Regel ist der Entwicklungs- und Fertigungspartner für die Projektplanung und -koordination, das Änderungsmanagement sowie die Implementierung von Methoden, Prozessen und Standards verantwortlich.

  • Produktentwicklung (inkl. Prototyping)

    Auch die Gesamtfahrzeugentwicklung, der Prototypenbau und die Testungen können in den Aufgabenbereich des Produktionspartners fallen. In enger Absprache mit dem Neueinsteiger werden die wichtigsten Leistungen und der Zeitplan festgelegt sowie das Fahrzeug entwickelt. An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Magna derzeit der einzige Player in der Automobilindustrie ist, der als One-Stop-Shop für Neueinsteiger fungieren kann.

  • Serienproduktion

    Sobald der entwickelte Prototyp alle Funktions-, Sicherheits- und Qualitätsstandards erfüllt, werden die wichtigsten Herausforderungen des Produktionsstarts (SOP – Start of Production) angegangen, die Zeitplanung durchgeführt und alle Entwicklungsziele erfüllt. Der Partner ist auch für die Produktionsphase des Fahrzeugs verantwortlich.

  • Einkauf, Supply Quality Assistance (SQA), Logistik

    Dieser Bereich kann als eine „Verantwortlichkeits-Grauzone“ betrachtet werden. Auf der einen Seite ist die Organisation der notwendigen Maschinen und Werkzeuge für die Fahrzeugproduktion Sache des Herstellers. Auf der anderen übernehmen die Startups in der Regel das Versorgungsnetz für das Fahrzeug selbst (d. h. die Lieferungen von Fahrzeugteilen). Die genaue Aufgabenteilung hängt letztlich vom konkreten Grad der Zusammenarbeit ab, die die beiden Partner vereinbaren.

  • Qualität

    In Bezug auf das Qualitätsmanagement ist der Herstellungspartner dafür verantwortlich, sicherzustellen, dass die Produkt- und Servicequalität den höchsten Standards entspricht. Qualifizierte Mitarbeiter_innen erstellen ein Anforderungsprofil und stellen sicher, dass die notwendigen System- und Prozessbedingungen gegeben sind, um die Qualitätsziele zu erreichen.

  • Informationstechnologie

    Die technologische Infrastruktur und deren Anwendung sind Schlüsselfaktoren für die Effizienz von Engineering, Produktion und Geschäftsprozessen. Der Fertigungspartner ist für die Bereitstellung dieser technologischen Infrastruktur und der darunter laufenden Systeme verantwortlich. Es ist entscheidend, eine nahtlose Schnittstelle zwischen den IT-Systemen des Neueinsteigers und seines Produktionspartners zu gewährleisten.

     

    Obwohl der Produktionspartner die operative Führung dieser Prozesse übernimmt, ist auch das Startup eng in sie eingebunden. Irgendwann im Laufe ihres Entwicklungsprozesses haben Neueinsteiger die Chance, zu einem OEM auf dem Fahrzeugmarkt zu werden. Mit den technischen Aspekten Schritt zu halten, ermöglicht es ihnen, während des Projekts angemessene Entscheidungen zu treffen.

    Der Marktneueinsteiger

    Da der Entwicklungs- und Produktionspartner das Management der Liefernetzwerke und Entwicklungsprozesse rund um das Fahrzeugprojekt übernimmt, kann sich ein Startups frei auf die Etablierung und Entwicklung seiner Marke sowie auf Marketing- und Vertriebsstrategien, PR und so weiter konzentrieren. Trotzdem gibt es im Rahmen der Produktzulieferungsprozesse einige Aufgaben, die von den Mitarbeiter_innen des Startups übernommen werden müssen:

  • Designstudio/Formgebung

    Das Startup ist der Hauptverantwortliche für das Fahrzeugdesign und gibt die visuellen Richtlinien für das Fahrzeug vor. Allerdings muss die Entwicklung des Designs immer in enger Abstimmung mit dem Entwicklungs- und Produktionspartner vonstattengehen, da Designvisionen nur unter Einhaltung technischer und gesetzlicher Vorgaben verwirklicht werden können.

  • Vertriebsnetz

    Dieses letzte Glied in der Lieferkette fällt in der Regel auch in den Zuständigkeitsbereich des Startups. Das bedeutet, dass es entweder Kontakte zu Händlern knüpfen oder die notwendige Vertriebsinfrastruktur eigenständig aufbauen muss.

  • Marketing, Werbung und Verkauf

    Auch im Bereich Kommunikation und Marketing werden alle Aufgaben vom Startup übernommen. Sämtliche Aktivitäten und Strategien in Bezug auf Marketing, Markenaufbau, Werbung und Kommunikation sowie Vertriebsnetze bleiben vom Entwicklungs- und Produktionspartner unbeeinflusst (es sei denn, seine Marke wird ausdrücklich erwähnt).

  • After-Sales

    Ebenso wie für die Vertriebsstrategien, ist das Startup letztendlich auch vollständig für das After-Sales-Management verantwortlich. Dazu gehören alle Aufgaben rund um Versicherung, Wartung, Reparatur sowie die Pflege positiver Kund_innenbeziehungen und Markentreue.


 

WICHTIGE FAKTOREN FÜR EINE OPTIMALE ARBEITSTEILUNG

Die Aufteilung der Verantwortlichkeiten unter den Partnern ist ein Schritt zur Sicherstellung einer erfolgreichen Partnerschaft. Es gibt jedoch noch einige Faktoren, die zusätzlich für Diskussionsbedarf sorgen.

  • Festlegung einer einheitlichen Kommunikationsbasis: Es ist durchaus möglich, dass es den Parteien aufgrund unterschiedlicher Hintergründe und Erfahrungen nicht gelingt, ihre jeweiligen Erwartungen zu kommunizieren. Sowohl bei Marktneueinsteigern als auch bei den etablierten Partnern in der Automobilindustrie ist es entscheidend, zu Beginn eines Projekts einen Konsens über bestimmte Begrifflichkeiten und klare Kommunikationsregeln zu schaffen.
  • Ebenso wichtig ist es, zu einer Übereinkunft hinsichtlich der erforderlichen Produktionsstandards zu gelangen und einvernehmlich relevante Meilensteine zu definieren (d. h. welche Leistungen zu welchem Zeitpunkt erbracht werden müssen).
  • Viele Faktoren wie das Produktionsvolumen, die Lieferantenbasis oder die verwendete Fahrzeugplattform haben einen erheblichen Einfluss auf die Komplexität, die Kosten und die Markteinführungszeit des Projekts. Diese Aspekte sollten früh eruiert und vereinbart werden, um Komplikationen zu einem späteren Zeitpunkt zu vermeiden. Genaueres zu diesen Themen finden Sie im Artikel: „Organisationsentwicklung im Laufe Ihres Eintritts in den Fahrzeugmarkt“.

Die goldene Regel der Zusammenarbeit lautet Kommunikation. Es ist wichtig, einen konstanten und transparenten Informationsfluss aufrechtzuerhalten, um Probleme zu lokalisieren und schnell lösen zu können. Letztendlich ist das Ziel einer solchen Partnerschaft, Gewinne für alle Beteiligten zu erwirtschaften. Dieses Ziel kann nur durch unmittelbare und lösungsorientierte Kommunikation erreicht werden.

 

FAZIT

Um eine für beide Seiten vorteilhafte Partnerschaft zu gewährleisten, wird empfohlen, dass Marktneueinsteiger im Voraus so viele Details wie möglich zu ihrem Projekt angeben. Dies erleichtert den späteren Aufbau der Partnerschaft und die Zuweisung von Verantwortlichkeiten. Bei der Festlegung der Arbeitsteilung ist es wichtig, nicht nur allgemeine Zuständigkeitsbereiche zu definieren, sondern auch einen Zeitplan, die jeweiligen Aufgaben, primäre Liefergegenstände sowie Details zur Projektorganisation und zu den Kommunikationssystemen der Partner.

Wenn Startups eine Partnerschaft mit einem Auftragsfertiger eingehen, haben sie die Möglichkeit, einen großen Teil der Fahrzeugentwicklungs-, -konstruktions- und -produktionsprozesse an diesen auszulagern. Dennoch sind sie weiterhin eng in den Entwicklungsprozess eingebunden. Als Eigentümer des Endprodukts sind sie immer die letzten Entscheidungsträger. Daher müssen sie sich sowohl das technische als auch das organisatorische Knowhow aneignen, um das Projekt voranzutreiben. Nur so kann eine erfolgreiche Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfinden, von der letztlich alle Beteiligten profitieren.

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Karl Hartl, Sales Manager Magna Graz

Karl Hartl

Karl Hartl ist seit 2015 Vertriebsleiter bei Magna Steyr. Er kam 1998 zu Magna und war in verschiedenen leitenden Positionen in den Bereichen Engineering, Program Management und Vertrieb tätig.

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