LÄNGERE ENTLADEZEIT DES E-AUTOS BEI HÖHERER SPANNUNGSLAGE
Durch die höhere Spannungslage wird in den Zwischensystemen, etwa den Leitungen innerhalb des Fahrzeugs, erheblich mehr Energie gespeichert: Die Energiemenge wächst im Quadrat zur Spannung. Zum Beispiel verbleiben in einem System, in dem bei 400 V eine Energiemenge von 120 J verbleibt, bei 800 V schon 480 J, bei 1000 Volt gar 750 J. Das stellt eine Herausforderung für das geforderte Schnellentladen aller Fahrzeugsysteme dar.
Dabei ist gefordert, dass spätestens 5 Sekunden nach dem Notabschalten des Fahrzeugs, etwa nach einem Crash, alle Teile potenzialfrei sind – bzw. zumindest kein höheres Potenzial als 60 V anliegen darf. Zum Abbau des Restpotenzials genügt bei der „klassischen“ 400-Volt-Spannungslage in der Regel eine einzige aktive Entladeeinheit als Electric Discharge Unit (z.B. elektrische Antriebseinheit).
Bei höherer Spannungslage ist die Restenergie in den Zwischensystemen aber so groß, dass aktive Entladung an mehreren Stellen erforderlich ist, um die geforderte rasche Entladung aller Komponenten herbeizuführen. Der Trend geht dabei dahin, dass jede Komponente sich selbst entlädt. Das ist technisch durchaus lösbar, treibt aber die Kosten nach oben. Ebenfalls kostentreibend wirkt sich das komplexere Batteriemanagement-System (BMS) aus. Dieses ist bei höherer Spannungslage erforderlich, weil mehr Zellen in Reihe hintereinander geschaltet werden müssen.
TECHNISCHE HERAUSFORDERUNGEN DURCH ERHÖHTE SPANNUNGSLAGE
Auch im Bereich der Inverter für die Motorregelung ist ein erhöhter Aufwand bei höherer Spannungslage erforderlich. Die darin verwendeten elektronischen Schaltelemente (konventionell sind das Silizium-IGBTs) können bei den auftretenden Spannungsspitzen an ihre Grenzen geraten. Damit ist der Wechsel zu einem anderen Material – etwa Siliziumkarbid (SiC) – erforderlich, um die geforderte hohe Schaltleistung sicherzustellen.
Die Schaltverluste hängen hierbei linear von Spannung, Strom, Schaltdauer und Schaltfrequenz ab. Bei gleichbleibender Leistung, höherer Spannung und niedrigerem Strom kann die Verlustleistung durch das Verwenden schnell schaltender SiC-IGBTs abgemildert werden.
Bei genauer Untersuchung kann auch ein teurer Wechsel der Inverter-Architektur diese Herausforderungen lösen. Auch hier ist in Abstimmung mit dem OEM abzuwägen, ob die bessere Effizienz die höheren Kosten aufwiegt.
Bestehen bleibt die Erhöhung der elektromagnetischen Interferenz (EMI), also das Entstehen von Störungen innerhalb des Inverters. Verbesserte Filtereinheiten am Ausgang des Inverters verhindern das Ausbreiten der EMI entlang der Kabel und Leitungen. Ein geschirmtes HV-Bordnetz verhindert das Übergreifen von EMI an umgebende Baugruppen.
EMI können zum einen zu Störungen an elektronischen Baugruppen im Fahrzeug führen, zum anderen aber auch Schäden an der Isolation der Motorwicklungen verursachen, was die Motorlebensdauer verkürzt.
Höhere Spannungslage löst nicht alle Probleme von E-Autos
Wie sich zeigt, ist der Wechsel auf eine höhere Spannungslage als die derzeit branchenüblichen 400 V keineswegs eine Patentlösung, um Effizienz, Performance und Schnellladefähigkeit von E-Autos zu optimieren. Zwar können diese Punkte durchaus entscheidend verbessert werden, doch stehen diesen Vorteilen höhere Kosten gegenüber. So ist abzuwägen, ob im konkreten Fahrzeugprojekt wirklich eine höhere Spannungslage erforderlich ist.
Generell wird die höhere Spannungslage ihre Vorteile vor allem bei Hochleistungs-BEVs mit sehr großen Batterien ausspielen können, wo insbesondere die erhöhte mögliche Ladeleistung Bedeutung hat – und seitens der Endkunden auch die Bereitschaft vorausgesetzt werden kann, für die bessere Technik auch mehr zu bezahlen. Bei E-Autos kleinerer Klassen wird die 400-Volt-Spannungslage ihre Daseinsberechtigung behalten; denn außer Kostenvorteilen bietet sie, wie im Vorangegangen dargelegt, noch andere Vorzüge
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Spezifische Vor- und Nachteile von HV-Antriebssystemen: Die Nachteile der höherer Spannungslagen lassen sich technisch beherrschen, aber es ist mit höheren Kosten zu rechnen.