UI/UX-Design in der Fahrzeugentwicklung: Wie Gestaltung das Nutzererlebnis prägt
- Christian Krug
- Januar 26, 2026
- 9-min read
GESTALTUNG ALS INTEGRATIVER BAUSTEIN DER FAHRZEUGENTWICKLUNG
Im automobilen Umfeld ist das UI/UX-Design längst zu einem zentralen Bestandteil der Fahrzeugentwicklung geworden. Es geht nicht mehr nur darum, wie etwas aussieht – sondern wie es sich anfühlt, wie intuitiv es bedient werden kann und wie es die Markenidentität in den digitalen Raum überträgt. Design steht dabei im Spannungsfeld zwischen Form, Funktion und technischer Machbarkeit. Als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine beeinflusst es nicht nur die Benutzerfreundlichkeit, sondern auch das gesamte Erlebnis im Fahrzeug.
Ob es um die Menüoberfläche eines Elektrofahrzeugs, die Anzeige eines Offroad-Modus oder die Integration von Sprachsteuerung und Gesten geht – Designentscheidungen prägen maßgeblich, wie glaubwürdig und zugänglich ein technisches System wahrgenommen wird.
DESIGNSTART: ZWISCHEN STRATEGIE, ZIELBILD UND ERSTER SKIZZE
Der Designprozess beginnt mit einem strategischen Rahmen, der gemeinsam mit dem Kunden definiert wird. Er legt fest, welche Nutzergruppen angesprochen werden sollen, welche Fahrzeugklasse entwickelt wird, welche Kernfunktionen im Vordergrund stehen und welche Markt- oder Markenspezifika zu berücksichtigen sind. Ob sportlich-minimalistisch, spielerisch oder auf maximale Klarheit getrimmt – die Rahmenbedingungen fließen direkt in die Designplanung ein.
In dieser frühen Phase liefern Kundenbriefings, Wettbewerbsanalysen oder bereits bestehende Referenzmodelle erste Anhaltspunkte. Je nach Projekt sind die Vorgaben detailliert oder bewusst offengehalten, um kreative Spielräume zu ermöglichen. Erste Workshops helfen, ein gemeinsames Verständnis zu etablieren: Welche Tonalität soll das Interface transportieren? Wie viel Interaktion ist gewünscht? Wo liegt der Schwerpunkt – auf Information, Emotion oder Funktion?
VOM STRUKTURMODELL ZUM VISUELLEN ERLEBNIS: WIREFRAMES UND LAYOUTPLANUNG
Bevor Farben, Formen oder Markenelement ins Spiel kommen, geht es um visuelle Ordnung und Funktionalität. Wireframes bilden den nächsten Schritt. Sie dienen der schematischen Darstellung der Informationsarchitektur: Wo befinden sich Menüs? Welche Interaktionen werden angeboten? Wie tief sind Menüstrukturen verschachtelt? Noch ohne visuelle Gestaltung helfen sie, den Grundaufbau und die Nutzungslogik zu erfassen.
In typischen Fahrzeugprojekten entstehen in dieser Phase bereits Dutzende Varianten. Unterschiedliche Menüführungen, Anzeige-Layouts oder Funktionskombinationen werden durchgespielt und mit dem Kunden abgeglichen. Ziel ist es, ein solides strukturelles Fundament zu schaffen, das spätere Designentscheidungen tragen kann
GESTALTUNGSWERKZEUGE: VOM HANDSTRICH ZU FIGMA
In der täglichen Praxis kommen unterschiedliche Tools zum Einsatz: Während erste Skizzen oft noch analog entstehen, erfolgt die digitale Ausarbeitung in Figma. Als cloudbasiertes leistungsstarkes, kollaboratives Designtool für Teams, erlaubt es nicht nur die Gestaltung einzelner Screens, sondern bildet auch Navigationslogik, Interaktionspfade und Zustandswechsel ab. Damit wird aus einem statischen Design ein funktionaler Prototyp.
Figma ermöglicht eine parallele Bearbeitung durch mehrere Beteiligte – etwa Design, Engineering und Projektleitung. In iterativen Feedbackrunden lassen sich Änderungen unmittelbar integrieren.
WARUM SIND UI-DESIGNSYSTEME ENTSCHEIDEND FÜR EFFIZIENZ UND KONSISTENZ IM FAHRZEUGBAU?
Ein moderner UI-Prozess kommt nicht ohne konsistente Designsysteme aus. In sogenannten Libraries werden alle grafischen Elemente – von Farben über Buttons, Typografien, Icons bis hin zu Abständen, Animationen und Zustandsregeln – einheitlich definiert. Das sorgt für Wiedererkennbarkeit, reduziert Fehlerquellen und ermöglicht eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Design und Entwicklung.
Gerade bei komplexen Projekten mit mehreren Displaygrößen, Touchscreens oder adaptiven Zuständen (z. B. Nightmode, Eco-Modus, Assistenzanzeigen) wird ein zentrales Designsystem zum kritischen Erfolgsfaktor. Es stellt sicher, dass das Nutzererlebnis auch bei wachsender Funktionstiefe übersichtlich und konsistent bleibt.
FUNKTION VOR FORM: KONTEXTBASIERTES GESTALTEN
UI/UX-Design im Automobil ist kein Selbstzweck. Es muss den Nutzungskontext berücksichtigen. Während in urbanen Premiumfahrzeugen mehr gestalterische Freiheit herrscht, gelten im Offroad- oder Nutzfahrzeugbereich klare Anforderungen. Hier zählt Funktionalität vor Ästhetik. Bedienoberflächen müssen mit Handschuhen funktionieren, Icons besonders verständlich sein, Touch-Flächen klar erkenntlich sein.
Ein Beispiel: In einem Projekt für ein Nutzfahrzeug wurden bewusst große, kontrastreiche Icons eingesetzt, die auch bei Sonneneinstrahlung gut ablesbar sind. Touchscreens wurden zusätzlich durch haptische Knöpfe ergänzt – ein hybrider Bedienansatz, der die Anforderungen aus Arbeitsumfeld und technischer Innovation vereint.
CLICK-DUMMIES ALS INTERAKTIVE ENTSCHEIDUNGSHILFE
Ein zentrales Werkzeug der Designvalidierung ist der Click-Dummy – meist ebenfalls auf Figma-Basis. Er bildet ein simuliertes User Interface ab, mit dem sich Kunden, Entwickler oder Nutzer durch geplante Bedienpfade klicken können. So lassen sich bereits vor der technischen Implementierung Rückmeldungen einholen. Click-Dummies kommen häufig in frühen Projektphasen zum Einsatz und bilden die Basis für Designentscheidungen – etwa bei Variantenvergleichen oder zur Usability-Vorabprüfung.
Auch Remote-Tests sind möglich: Über einen Weblink können internationale Teams in Echtzeit den Dummy durchspielen und ihre Einschätzungen teilen. Diese Flexibilität spart Zeit, beschleunigt die Abstimmung und erhöht die Qualität der Entscheidung.
BENCHMARKS, TRENDS UND KULTURELLE ADAPTION
Design entsteht nie isoliert, sondern wird maßgeblich von Trends, Wettbewerbern, kulturellen Besonderheiten und Markenidentität geprägt. So bevorzugen europäische Nutzer oft eine reduzierte, funktionale Gestaltung, während in asiatischen oder speziell chinesischen Märkten ein verspielter, emotionaler Ansatz mit mehr Animation, Farbverläufen und Gamification-Elementen gefragt ist. Farbwahl, Interaktionen und Icons richten sich nach lokalen Erwartungen und der Markenpositionierung – entsprechend fällt das Interface mal zurückhaltender, mal bunter und interaktiver aus. Unterschiedliche Trends je nach Zielgruppe und Markt müssen daher bei der Gestaltung immer berücksichtigt werden.
GESTALTUNGSPRINZIPIEN: ERGONOMIE, KLARHEIT UND MARKENSPRACHE
Lesbarkeit, Kontrast, Blickführung – bei aller Kreativität muss Design im Fahrzeug klare ergonomische Anforderungen erfüllen. Interfaces werden bei Tageslicht und bei Dunkelheit genutzt, ebenso bei schnellen Blickwechseln oder unter Stress. Deshalb ist die Gestaltung auf maximale Klarheit, Verständlichkeit und Reduktion ausgelegt.
Design muss sich dabei auch an rechtliche Rahmenbedingungen halten: Mindestgrößen für Textelemente, Bedienbarkeit während der Fahrt oder Warnhinweise für sicherheitsrelevante Inhalte. Gleichzeitig trägt das Interface die Markensprache weiter – etwa über Farbcodes, Bewegungsmuster oder die Gestaltung von Icons. Das UI wird so zur digitalen Visitenkarte.
ITERATIVE SCHLEIFEN: TESTS, FEEDBACK, OPTIMIERUNG
Design ist nie linear. In wiederholten Schleifen wird es getestet, überarbeitet und angepasst. Usability-Tests mit realen Probanden zeigen, ob Bedienkonzepte intuitiv sind, ob ein Menü logisch aufgebaut ist oder ein Button als solcher erkannt wird. Diese Erkenntnisse können zu tiefgreifenden Änderungen führen – auch im Strategieteil.
Besonders in späten Phasen kommen A/B-Tests zum Einsatz: Zwei Designvarianten werden parallel getestet, um die Nutzerpräferenz datenbasiert zu bestimmen. Die Rückkopplung mit Entwicklungsteams sichert zudem die technische Machbarkeit – etwa bei Reaktionszeiten, Animationseffekten oder Hardwaregrenzen.
PROJEKTSTRUKTUR UND GATES: VOM DUMMY ZUR SPEZIFIKATION
Im Designprozess gibt es feste Meilensteine: Die Freigabe eines Click-Dummys, Usability-Ergebnisse oder Kunden-Reviews etwa sind typische Gates, also Qualitätsprüfpunkte oder Fortschrittsmeilensteine am Ende einer Projektphase. An diesen Gates wird anhand vordefinierter Kriterien entschieden, ob das Projekt in die nächste Phase übergehen kann, fortgesetzt, beendet oder modifiziert wird, um Risiken zu minimieren und die Qualität zu sichern. Ist das finale Design abgestimmt, folgt die Übergabe an die Entwicklung.
Grundlage ist dann ein umfassendes UI Designbook oder ein Spezifikationspaket, das sämtliche States, Elemente, Abhängigkeiten und Regeln dokumentiert – inklusive Verlinkung zu Interaktionspfaden und technischen IDs. Diese Dokumentation ist Voraussetzung für eine reibungslose Integration ins Fahrzeug.
ZEITLICHE DIMENSIONEN UND TYPISCHE HERAUSFORDERUNGEN
UI/UX-Designprozesse im Automobil dauern – je nach Komplexität – zwischen einem und zwei Jahren. Die größte Herausforderung liegt in der Balance: zwischen gestalterischem Anspruch, technischer Umsetzbarkeit, Kundenvorgaben und Nutzerfreundlichkeit. Zusätzlich erschweren sich verändernde Rahmenbedingungen – neue Technologien, Markenstrategien oder Markttrends – die langfristige Planung.
Unterschätzt wird oft auch die Vielfalt an Displaygrößen, Fahrzeuginnenräumen und Steuergerätearchitekturen. Diese Unterschiede erfordern flexible, skalierbare Designlösungen, die trotzdem eine konsistente User Experience ermöglichen.
ZUKÜNFTIGE ENTWICKLUNG: WAS DAS DESIGN VON MORGEN PRÄGT
Die Gestaltung von Benutzeroberflächen im Fahrzeug wird in den kommenden Jahren neue Impulse erfahren. KI-gestützte Systeme, die Nutzerverhalten antizipieren, werden das Interface personalisieren. Multimodale Steuerung – über Touch, Sprache, Gesten – setzt neue Maßstäbe für Interaktionsdesign.
Großformatige, nahtlose Displays bieten neue gestalterische Freiheiten – aber auch Verantwortung: für Übersichtlichkeit, Struktur und Reduktion. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Ruhe, Fokus und Klarheit im Cockpit. In Studien zeigte sich: Fahrer bevorzugen reduzierte, kontextbezogene Anzeigen gegenüber permanent eingeblendeter Reizüberflutung. Dieser Trend hin zu Digital Wellbeing wird die künftige Designsprache prägen.
FAZIT
Design im UI/UX-Kontext ist keine isolierte Disziplin – es ist integraler Bestandteil der Fahrzeugentwicklung. Es macht strategische Vorgaben erlebbar, verbindet technische Anforderungen mit emotionaler Markenwirkung und sorgt dafür, dass moderne Fahrzeuge intuitiv, sicher und charakterstark bedient werden können. Ein gutes Interface ist dabei mehr als schön – es ist intuitiv. Genau hier setzt Magna mit seiner Designkompetenz an und bringt als Entwicklungspartner seine Erfahrung ein, um Bedienkonzepte nicht nur funktional, sondern auch markenspezifisch und zukunftssicher zu gestalten. Damit trägt Magna entscheidend dazu bei, dass UI/UX-Design einen spürbaren Mehrwert in der Mobilität von morgen schafft.