Runner jumping over a hurdle

5 Herausforderungen, denen sich jedes Startup in der Automobilindustrie stellen muss



HERAUSFORDERUNGEN VON STARTUPS IN DER AUTOMOBILINDUSTRIE - EINE EINFÜHRUNG

In manchen Fällen fehlt es Marktneueinsteigern in der Automobilindustrie an persönlicher Erfahrung in ihrem gewählten Marktgebiet. Das bedeutet jedoch noch nicht, dass sie grundsätzlich nicht in der Lage sind, wichtige Herausforderungen zu meistern. Wenn sich neue Marktteilnehmer mit den häufigsten potenziellen Hindernissen auseinandersetzen, können sie sich bereits im Vorfeld auf diese vorbereiten und sie in weiterer Folge auch meistern.

Ziel dieses Artikels ist es, die häufigsten Herausforderungen für Startups auf ihrem Weg zur Verwirklichung ihrer automobilen Vision aufzuzeigen. Der genaue Umfang sowie die Bedeutung der Herausforderungen und wie diese letztendlich im Detail aussehen hängen stark vom jeweiligen Fahrzeug ab. In ihren Grundzügen werden sich Marktneueinsteiger aber wahrscheinlich zu einem bestimmten Zeitpunkt jeder Herausforderung stellen müssen.

 

WARUM STARTUPS DAZU TENDIEREN, DIE HERAUSFORDERUNGEN EINES FAHRZEUGPROJEKTS ZU UNTERSCHÄTZEN

Jeder Fahrzeugproduktionsprozess umfasst ein komplexes Spektrum an Aufgaben und Zielen, die allesamt aufeinander abgestimmt werden müssen. Neben der Planung des eigentlichen Produktionsprozesses müssen beim Aufbau der Fahrzeugmarke Lieferanten, Verkäufer und Investor_innen gefunden werden. Marktneueinsteiger sind mit der Menge an Aufgaben bzw. damit, wie diese miteinander zusammenhängen und inwiefern sie aufeinander aufbauen, häufig nicht vertraut. Ihnen fehlt oft die Erfahrung, um die Komplexität der Fahrzeugentwicklung vollständig zu verstehen, was dazu führt, dass sie diese unterschätzen. Einfach ausgedrückt: Ohne Erfahrung stehen vielen Startups in der Fahrzeugindustrie einige Überraschungen bevor.

Von den häufigsten und größten Herausforderungen bei der Fahrzeugentwicklung sind vor allem fünf zu nennen. Im Folgenden werden diese in Grundzügen erläutert.

 

Herausforderung #1: Die Bestimmung der exakten Produktionsmenge

Es mag einfach klingen, eine Jahresproduktionsmenge oder gar die gesamte Produktionsmenge abzuschätzen. Diese Zahl ist jedoch ungewisser, als man annehmen möchte. Da Startups neue Akteure auf dem Fahrzeugmarkt sind, können sie sich nicht auf ihre eigenen historischen Daten verlassen, um das Marktpotenzial ihrer Marke zu kennen. Ihre Schätzungen der Produktionsmengen werden daher mit hoher Wahrscheinlichkeit von der tatsächlichen Nachfrage abweichen.

Die Bestimmung des adäquaten Produktionsvolumens ist nicht nur eine Herausforderung, sie kann bei grober Fehleinschätzung auch signifikante Konsequenzen nach sich ziehen. Jede Änderung der Produktionszahlen hat erhebliche Auswirkungen auf den gesamten Fahrzeugproduktionsplan, insbesondere hinsichtlich des Zeit- und Ressourcenaufwands. Eine Schwankung zwischen 5.000 und 50.000 Fahrzeugen pro Jahr muss sowohl zeitlich als auch bezüglich des Materialbedarfs kalkuliert werden, was eine lange Vorlaufzeit bei der Planung erfordert. Die Produktion größerer Mengen, als vorab geschätzt, kann zu Kapazitätsproblemen führen, während kleinere Mengen die Rentabilität beeinträchtigen und höhere Kosten pro Einheit verursachen.

Herausforderung #2: Finalisierung des Fahrzeugkonzepts und Ermittlung von Hauptlieferanten

Obwohl einige Fahrzeugelemente relativ leicht nach Bedarf angepasst werden können, ist es entscheidend, sich früh für ein allgemeines Basiskonzept zu entscheiden. Vor allem das Fahrwerk, die E/E-Architektur (Elektrik/Elektronik) und der Antriebsstrang sollten nach der Ideenphase fixiert werden, da eine spätere Änderung dieser Komponenten zu Verzögerungen und Kostensteigerungen führen kann.

Mit der Finalisierung des Konzepts stellt sich auch die Frage, welche Lieferanten zu dessen Umsetzung notwendig sind. Das Organisieren von Hauptlieferanten sowohl von Fahrzeugteilen als auch von den für die Montage erforderlichen Werkzeugen kann sich als Herkulesaufgabe entpuppen, insbesondere dann, wenn Marktneueinsteiger nicht beabsichtigen, in großen Mengen zu produzieren. Das Onboarding von Lieferanten ist oft ein Grund, warum sich Projekte verzögern, was es umso wichtiger macht, dass Startups beim Aufbau ihrer Lieferantenbasis flexibel und kompromissbereit bleiben.

 

Herausforderung #3: Erhöhte Komplexität während der Konzeptphase

Die vielleicht größte Herausforderung bei der Fahrzeugproduktion ist die Tatsache, dass das Fahrzeugkonzept sowie die meisten Prozesse und Anforderungen nicht sequenziell festgelegt werden können. Stattdessen setzen sich nach der Etablierung und Validierung der Fahrzeugidee zahlreiche Prozesse gleichzeitig in Bewegung:

  • der Aufbau von Produktionsstätten
  • die Aufstellung einer Lieferantenbasis
  • die Suche nach geeigneten Werkzeugen
  • das Anwerben der erforderlichen Arbeitskräfte
  • die Kalkulation der notwendigen Finanzen
  • Organisations- und Produktionsprozesse
  • die Ermittlung potenzieller Anbieter
  • die Festlegung von Marketing-, Vertriebs- und Markenstrategien

All das erfordert hohe Einmalaufwendungen sowie einen gut durchdachten Zeitplan, viel persönliches Engagement und vor allem Durchhaltevermögen. Mehr Informationen zum Anstieg der Komplexität zwischen der Ideen- und Konzeptphase finden Sie im Artikel: „Organisationsentwicklung im Laufe Ihres Eintritts in den Fahrzeugmarkt“.

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Herausforderung #4: Spätphasen-Ergänzungen am Fahrzeug

Die Bedingungen, unter denen das Fahrzeug produziert wird, können sich im Laufe seiner Industrialisierung mitunter ändern. In den rund drei Jahren, die zwischen der Durchführung der Machbarkeitsstudie und der Serienreife vergehen, müssen unter Umständen einige Features am Fahrzeug ergänzt oder angepasst werden. Gründe dafür können ein verändertes Anforderungsprofil von Endverbraucher_innen oder ein stärkerer Wettbewerb zwischen Produkten mit ähnlichem Alleinstellungsmerkmal sein.

Aber auch scheinbar banale Anpassungen können den Industrialisierungsprozess eines Fahrzeugs erheblich verändern. Jede Neuerung oder Änderung erfordert eine Adaption des Gesamtfahrzeuglayouts und wirkt sich daher auch auf den Fertigungsprozess aus. Beispielsweise führen größere Reifendimensionen nicht nur zu einem Bedarf an größeren Laufrädern. Die daraus resultierende Notwendigkeit, das Fahrgestell des Fahrzeugs anzuheben, erfordert Veränderungen an der Plattform sowie am Gesamtfahrzeugdesign. Dies bedeutet, dass nicht nur eine nachträgliche Änderung aller betroffenen Teile notwendig ist, sondern auch eine Anpassung der damit verbundenen Produktionsprozesse.

Ein derartiger Anpassungsbedarf stellt eine nicht unübliche Herausforderung dar, mit der Startups während des Industrialisierungsprozesses schlichtweg zu rechnen haben. Wie schon erwähnt, liegen die Hauptgründe dafür nicht notwendigerweise an der mangelnden Expertise seitens des Startups, sondern an unvorhersehbaren äußeren Faktoren. Durch eine gründliche Vorbereitung und ein abgeschlossenes Fahrzeugkonzept, bei dem nur bei Bedarf Änderungen vorgenommen werden, können negative Auswirkungen jedoch abgemildert werden. 

Herausforderung #5: Partner, Investor_innen und sich selbst am Ball halten

Wie im vorangegangenen Abschnitt aufgezeigt, ist es ein langer Weg von der Geschäftsidee bis zum Serienfahrzeug. Währenddessen gibt es einige kritische Punkte, an denen das Projekt viel Engagement und Energie von Marktneueinsteigern abverlangen wird. Insbesondere die zuvor aufgezeigte Komplexitätssteigerung ist eine der zeit- und kostenintensivsten Phasen des gesamten Industrialisierungsprozesses. Angesichts der steigenden Kostenanforderungen und der allgemeinen Arbeitsbelastung ist diese Phase auch ein Test für die Belastbarkeit von Startups – und dafür, wie gut sie ihre Partner dazu motivieren können, mitzuziehen.

Der Ausstieg von Großinvestor_innen oder Schlüssellieferanten kann das Projekt bestenfalls stark verzögern oder schlimmstenfalls den Abbruch bedeuten. Daher ist es für Startups umso wichtiger, ein hohes Maß an Engagement für das Projekt aufrechtzuerhalten und dazu beizutragen, Fehler so weit wie möglich zu minimieren. Durch vorausschauendes Handeln und einen klaren Fokus auf dem Fortschritt, den es im Übrigen auch in entsprechender Form seitens der Marktneueinsteiger zu kommunizieren gilt, werden Lieferanten und Investor_innenen in schwierigeren Phasen mehr Vertrauen in das Projekt haben und eher bereit sein, daran festzuhalten.


METHODEN ZUR BEWÄLTIGUNG DER HERAUSFORDERUNGEN EINES FAHRZEUG-STARTUPS

Trotz einer bestimmten Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit, die naturgemäß in den Entwicklungen des Fahrzeugmarkts und in der Automobilindustrie mit inbegriffen sind und Startups vor schwierige Herausforderungen stellen, gibt es mehrere Methoden, die dazu beitragen können, das Ausfallrisiko zu verringern. Durch die frühzeitige Suche nach Investor_innen und Lieferanten kann sich ein Startup vorab ein verlässliches Netz an engagierten Projektpartnern aufbauen, durch deren Mitwirken die Komplexität des Projekts um ein Vielfaches transparenter und folglich besser bewältigbar wird. Darüber hinaus ist es weitaus unwahrscheinlicher, dass Anpassungen während des Industrialisierungsprozesses anfallen, je klarer und detaillierter ein Fahrzeug definiert ist.

Letztlich ist die Zusammenarbeit mit einem etablierten Gesamtfahrzeug-Fertigungspartner die beste Möglichkeit, um Schwierigkeiten im Industrialisierungsprozess vorzubeugen. Durch die Zusammenarbeit mit einem etablierten Player können organisatorische Abläufe, Terminplanung und Fragen zur Fahrzeugplattform oder Produktionsmenge schneller und effektiver gelöst werden.

Die Vorteile der Zusammenarbeit mit einem Auftragshersteller beschränken sich nicht nur auf Serienfahrzeuge. Durch die Anpassung einer bestehenden Fahrzeugplattform können Startups außerdem die Entwicklungszeit und den Kostenaufwand erheblich reduzieren. Diese Option ist natürlich davon abhängig, ob ein Auftragshersteller über eine Fahrzeugplattform verfügt, die den angestrebten Anforderungen des neuen Fahrzeugs entspricht.

Entscheidend sind außerdem Erfahrung und langjährige Marktpräsenz – Qualitäten, über die ein Fertigungspartner verfügt, ganz zu schweigen von der voll funktionsfähigen Produktionslandschaft, von der das Startup im Falle einer Zusammenarbeit ebenfalls Gebrauch machen kann. Durch die Nutzung dieser Vorteile können Marktneueinsteiger die finanzielle Belastung verringern, die Markteinführungszeit verkürzen und einen vergleichsweise sicheren Weg zur Verwirklichung ihrer automobilen Vision einschlagen.

FAZIT

Auch nach Überwindung der ersten Hürden in der Ideenphase wird ein Fahrzeugprojekt Marktneueinsteiger vor eine Vielzahl von Herausforderungen stellen. Faktoren wie ein falsch eingeschätztes Produktionsvolumen, eine schlechte Lieferantenbasis, Plattformänderungen während des Projekts, mangelndes Engagement und insbesondere die hohe Zunahme der Komplexität nach der Ideenphase können dem Startup erhebliche Schwierigkeiten bereiten und im schlimmsten Fall das Scheitern seines Projekts bedeuten.

Einer Sache können sich Marktneueinsteiger dennoch ganz gewiss sein: Fahrzeugproduktion verläuft nie ohne Herausforderungen. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass selbst die größten Hürden durch intelligente Planung, durch Einfallsreichtum und durch die richtigen Partner überwunden werden können und dass der Weg zum eigenen Fahrzeug zwar schwer, aber nicht unmöglich ist.

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Joachim Schmiedhofer

Joachim Schmiedhofer ist General Manager für die Geschäftseinheit BMW bei Magna Steyr und trägt damit die Gesamtverantwortung für die Fahrzeugproduktion des BMW 5er, BMW Z4 und des Toyota Supra sowie das Programmmanagement für alle drei Derivate. Er kam 1999 zu Magna und war in verschiedenen Positionen als General Manager bei Magna Steyr und Cosma tätig. Er hat einen Abschluss in Maschinenbau und Betriebswirtschaft.

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